Auschwitz heute – Martin Blume

Martin Blume und sein Bildband „Auschwitz heute“ entdecke ich durch den Nachruf aus Anlass seines Todes im Jahre 2015. Die Bilder, die anlässlich der dem Buch vorgelagerten Ausstellung im Internet zu sehen sind, begeistern mich: Martin Blume setzt gezielt Unschärfe als Gestaltungsmittel und Belichtungszeit als Helligkeitsregler ein. Es geschieht zu einer Zeit, wo ich selbst neue Wege suche und Blume mir mit seinen Arbeiten eine Orientierung gibt.

Da sind die sich kreuzenden Gleise, wellenartig nimmt Zeit und Rotation ihren Platz im Bild ein (siehe Seite 67). Ein Klassiker der perspektivischen Darstellung: Dunkle Pfosten stehen wie Posten im Schnee, geben eine Orientierung bis an ein nicht zu erkennendes Ende (siehe Seite 75). Besonders bedrückend empfinde die Szene auf Seite 83: Ein dunkler Raum, eine massive Tür mit Guckloch, leicht geöffnet bildet die Mitte. Ein Deckenlicht leuchtet. Für über eine Million Menschen wird weder das eine noch das andere Licht ein Schimmer der Hoffnung sein, die gemeinhin zuletzt stirbt. Das Licht mag vielleicht daran erinnern und es ist doch kein Ewiges Licht. Hier in Auschwitz ging es in allen Belangen um Vernichtung: Juden, Sinti und Roma, Polen, Homosexuelle und sowjetische Kriegsgefangene.

„Auschwitz heute – Martin Blume“ weiterlesen

Die Stadt der Frauen – Miroslav Tichy

Am Beginn meiner Liebhaberei zur Fotografie waren die späte Leni Riefenstahl und Helmut Newton für mich die großen Meister. Es waren nicht nur die jeweiligen Menschenfotografien, auch der Umgang der beiden miteinander war bemerkenswert. Leni Riefenstahl, wegen ihrer Propagandafilme zur NS-Zeit noch heute in Deutschland eine totgeschwiegene Person und Helmut Neustädter, ein Jude aus Berlin, der über Singapur kommend die Kriegsjahre in Australien verbracht hat. Beide Biografien habe ich gelesen und bewundert, mit wieviel Respekt sie trotz der Geschehnisse miteinander umgegangen sind. Fotografie verbindet, doch was hat der Mensch mit seinem Ego daraus gemacht?

Obwohl beide ihren kreativen Nachlass nach Berlin gegeben hatten, ich mehrmals das Museum für Fotografie (leider keine Riefenstahl-Ausstellung) besucht habe, änderte sich meine Sicht- und Herangehensweise an ein Bild: Nach einer privaten Katastrophe sollte nicht mehr das bügelglatte Foto mein Ziel sein. Solche Aufnahmen haben für mich keine Geheimnisse und nehmen dem Betrachter, wenn es denn ein Betrachter und kein purer Konsument ist, das Denken ab. Nur eine Möglichkeit besteht, den Betrachter zum Denken herauszufordern: Unschärfe, das Motiv braucht eine dekorative Unschärfe wie Zuckerwatte. Trotz des Perspektivwechsel bleibt der Götterstatus für Newton und Riefenstahl.

Statt teurer Markenobjektive, die den Preis der Digitalkamera in nichts nachstehen und sogar übertrumpfen, probiere ich Spielzeuglinsen a la Holga HL & Co. aus. Egal was ich unternehme, die Digitalkamera und ihre interne Bildverarbeitung setzt alles daran, scharfe Aufnahmen ohne irgendein bildhaftes Widerwort zu fabrizieren. Ohnehin waren die Experimente um eine digitale Unschärfe das Paradebeispiel der Schizophrenie: Die Kamera lebt ihren Perfektionsdrang aus und ich spiele in Adobe Camera Raw mit Reglern, um Störungen und Bildeffekte aller Art irgendwie in die Aufnahmen zu zaubern.

„Die Stadt der Frauen – Miroslav Tichy“ weiterlesen

Der Tod ist ein Irrtum – Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller

Das Internet ist eine unstrukturierte digitale Masse, das Sinnbild der virtuellen Entropie. Mir sagt der Name Heiner Müller etwas und ich wußte, dass er in seinen letzten Lebensjahren mit der Fotografin Brigitte Maria Mayer leiert war. Mehr Wissen ist nicht, womit ich prahlen kann. Bei meinem Streifzug im Chaos auf der Suche nach besonderen Angeboten, landen die Titel „perfect sister I“ (nummeriert und von Heiner Müller signiert) und „perfect sister II – Im Objektiv des Canova“ von Brigitte Maria Mayer in meinem Warenkorb.

Eine weitere Bestellung später: Eine mengenmäßig nicht beschreibare Emotionalität, des eigenen Erlebens wegen, entfaltet der Titel „Der Tod ist ein Irrtum“ in mir. Der Titel ist das Tagebuch einer Liebe, die tragisch enden wird, weil das Zellsystem im Körper Heiner Müllers jene chaotische Abartigkeit in sich trägt, die auf die simple Umschreibung Krebs hört. Zwischen den beiden Markern gründet sich eine Familie und entsteht neues Leben. Dokumentiert sind Meilensteine aus fünf Jahren, stilecht in Sofortbilder und handgeschriebene Textskizzen festgehalten.

„Der Tod ist ein Irrtum – Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller“ weiterlesen

Perfekt!

Ich lese eine Buchrezension. Warum beschleicht mich das ungute Gefühl, dass der Rezensent seine eigenen Werke als das Nonplusultra zu betrachten scheint und alles andere daran zunichte macht. Ich kenne ein paar Bücher des Rezensenten und finde sie zutiefst langweilig. Ohne Zweifel erklärt er viel, zeigt Beispiele und trotzdem wirken seine Erklärungsversuche an den Haaren herbeigezogen. Vielleicht bin ich auch nur zu blöd, den Tiefgang seines Geschriebenen zu erkennen.

„Perfekt!“ weiterlesen