Zusammenhangsloses

Eigentlich bin ich kein Freund von bestimmten Tagen, an die ich mich – der lieben Harmonie wegen – besser immer erinnern sollte. Was nicht in meinem elektronischen Kalender steht, das gerät bei mir in Vergessenheit. Wobei? Offenbar klebt das eine oder andere Ereignis als Post-it an der Innenwand meines Schädels: Da ist zum Beispiel ein Bild, es dreht sich um zwei Verliebte, die nicht wissen wollen, dass sie ineinander verliebt sind. Und als die nichtwissentlich Angebetete beim Betrachten nach dem Inhalt fragt, wird vom Maker alles auf ein anderes Szenario mit mehr Realitätsnähe umgedichtet. Das klingt kompliziert und ist es auch. Also wird das Bild von Meister Klecks zerstört und durch Übermalen durch ein neues Bild ersetzt. Das wirft Fragen auf: Kann das alte Bild für das neue Bild bestehen ohne zerstört zu werden?

Das Spiel mit der deutschen Mehrdeutigkeit, ich mag es. Es sorgt für Verwirrung und gelegentliches Fragen, ob wir oder sie damit gemeint ist. Oder was ich damit sagen will. Selbst sie ist mehrdeutig und das ist auch gut so. Es muss so sein. Gedanken sind frei. Wenn mich ein Gedanke erfasst, dann schreibe ich ihn nieder, sonst vergesse ich ihn. Und diesen Gedanken verbinde ich mit anderen Gedanken zu einem Text wie diesen hier. Oder ich verknüpfe Gedanken mit einem Bild. Ich möchte damit etwas aussagen und keiner soll es verstehen, weil es ja mein Bild und Gedanke ist. Es klingt wirr und das soll es auch. Irgendein Zusammenhang? Fehlanzeige. Ich hätte Informationen vor fünf Tagen gebraucht. Jetzt werden sie nachgereicht und ich stelle fest: Ihr seid zu feige Verantwortung zu übernehmen.

Ich soll mich erklären. Ich werde gebeten mich zu erklären. Zwei verschiedene verbale Ansätze um ein und dasselbe Problem. Es gelingt mir nicht, weil die Gedanken nicht bis zu dem Knoten im Gehirn vordringen, dass ich mit eigener Denkleistung am Verarbeitungsprozess teilnehmen kann. Was ist, ist da und ich muss zusehen, wie ich ihr das Ergebnis erkläre. Eins weiß ich: In Sachen Liebe unter den Menschen ist die Fantasielosigkeit des Menschen selbst am stärksten ausgeprägt. Also frag mich, was uns ausmacht: „Wir harmonieren ohne in allen Dingen gleich zu ticken“. Bloß kein Gleichschritt. Ich muss auch mal was allein und ganz anderes tun können. Ich mag Fragen, wunschähnliche Forderungen, jedes Wort nur noch mit einem Achselzucken beantworten. Weil es einfach ist und ich sowieso zu keiner inneren Erkenntnis komme. Dabei: Ich kann eigentlich nicht leise sein. Ich konnte nie leise sein.

Das war so ein Gedanke. Irgendwann niedergeschrieben und für spätere Zwecke notiert. Ein Film. Über eine Liebesbeziehung, die so nicht sein darf, aber geschehen ist. Geschehen sein soll, ist ja Film und nicht Realität. Ich fühle mich peinlich ertappt, denn ja, mir fehlt es auch an der Fantasie nicht in Klischees zu denken. „Das ist ja an den Haaren herbeigezogen und absolut unmöglich“. Natürlich obsiegt die Skepsis. Undenkbar, Opfer, Opfer, Opfer und dabei wird der Moralhammer der Berufsnörgler geschwungen. Sollte ich einmal erklären müssen, wieso, weshalb und natürlich warum, es geht nicht. Bis auf ein Gestammel: „Sie hat mich wieder auf meine Beine gestellt.“ Nun stehe ich, allein. Für mich ganz allein und eigentlich mag ich für mich auf den sicheren Boden zurück.

Noch so etwas Geistreiches, doch zum Rest ziemlich zusammenhangslos: „In meinen Augen mag dein Verhalten gelegentlich taktisch unklug sein, für dich ist es jedoch emotional notwendig.“ Was soll ich mit dem Fetzen aus meiner Notiz-App anfangen? Ich mag verbales Versteckspiel nicht. Entweder. Oder. Egal ob Mann und Frau. So darf ich heute nicht mehr denken. Außer die Frau. Des Anstands wegen und weil sie keine Schlampe ist. Natürlich gibt es zwischen Schwarz und Weiss ein Dazwischen. Man nennt es Grau. Aber bitte nicht, wenn es um Gefühle geht. Ein Gefühl und raus damit. Für die empfindliche Seele hübsch verpackt, in der Sache aber bitte deutlich. Darf ich das umgekehrt auch, vielleicht nicht so liebevoll und schön verpackt? Poltergeist! Ich habe mal versucht, meine Gedanken in ein Notizbuch zu schreiben. Es ist noch heute weiß und rein. Meine dunklen Gedanken würden es also nur beflecken. Und wie synchronisiert sich so ein analoges Notizbuch mit meinem digitalen iPad?

Mittlerweile traue ich mich nicht mehr bei Twitter, Instagram und Amazon anzumelden. Ich bekomme umgehend eine elektronische Nachricht, dass sich mit einem dem Anbieter unbekannten Gerät angemeldet worden ist. Und wenn ich es war, dann darf ich diese Nachricht vergessen. Wenn ich es nicht war, dann solle ich sofort … ich habe keine Ahnung, was die von mir wollen. Das angeblich unbekannte Gerät kenne ich schon viele Jahre. Die deutsche Keksbremse möchte jedesmal neu bestätigt werden, nur weil ich Cookies nach dem Onlinegang kille. Besonders ausgebufft sind die Warnhinweise, welche beim Blättern in den Erklärungen kein Weiterkommen erlauben. Amazon informiert mich, dass die Bestellung aus der PackStation abgeholt wurde. Danke, doch ich selbst war der Depp, der das tat. Ich brauche diese Erinnerung nicht. Noch bin ich nicht senilkonfus. Was soll ich von diesem Dauerirrsinn halten? Der, der sich das ausgedacht hat, er sitzt in seiner warmen Hobbithöhle und lacht sich über die Blödheit des Homo digitalis kaputt, der alles reguliert haben muss. Der Mensch verträgt keine Freiheit.

Ich brauche Feedback, die Gegenreaktion. Wenig Rücksichtnahme, weil ich selbst selten rücksichtsvoll bin. Wenn in meinen Augen irgendetwas große Kacke ist, dann möchte ich auch Scheiße dazu sagen dürfen. Das Lebensziel manch netter Zeitgenossen besteht allein darin, anderen Menschen das Leben einfach nur schwer zu machen. Nett, der kleine Bruder von Scheiße. Oder Scheiße’s kleine Schwester, wenn der geneigte Leser auf Gleichheit und sowas steht. DHL ist so eine Lebenszeitverschwendung. Zwei Sendungen, zwei Packstationen, weil der Fahrer der Allmächtige ist. Beides hätte locker in ein Fach gepasst. Soll ich mich ärgern, DHL sozial medial mobben? Es ändert sich nichts. Also nutze ich die Tour zu Fuss durch Marzahn und verschaffe mir Bewegung am Nachmittag. Ich verfolge weiterhin die Theorie, dass das Leben in der Sache ausgleichend ist: Ich war ein Arschloch. Dann hat das Leben ordentlich gegen mein Schienbein getreten und mich am Boden liegend gefickt. Jetzt jammere ich hier rum. Jammern auf dem hohen Niveau eines mehrfachen Glückspilzes. Leben kann verzeihen, man muss es verdient haben und das Leben sollte auch wollen.

Es wird erzählt, es wird gefragt und wieder erzählt. Effektiv ändert sich nichts, was die eine oder andere Situation verändern könnte. Worte sind geduldig. Wie Papier. Nur Papier wird alt, zerbröselt irgendwann einmal. Kann ich nicht ändern. Frag mich nicht wieso. Alles hat ein Ende, auch die Wurst mit ihren zwei Enden. Ich versuche mir vorzustellen und es gelingt mir nicht. Ich versuche mich zu rechtfertigen, auch dazu fällt mir nichts ein. Ab und an blüht da mal was auf, ich halte es fest, doch es steht in keinem Zusammenhang mit dem, was sich andere denken. Das hier ist kein Livestream, nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist da, so wie viele andere Sachen auch. Nur diesmal völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Sinnfrei, weil aneinandergereiht und nie ein Zusammenhang bestand.

Autor: ronaldo capybara

Er ist kein Fotograf und doch malt er seine Bilder mit Licht, bringt sie in seiner Dunkelkammer eigenhändig zu Papier. Er ist kein Maler und doch zeichnet er seine Bilder mit Farben auf alles, was seine Imagination tragen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

20 − = 12