Sechs Jahre

Gott sei Dank ist mein Ordnungssystem digital gehorteter Aufnahmen so organisiert, dass ich relativ schnell auf das Jahr komme, wann sie entstanden sind. Ich erinnere mich an die zwanzig Quadratmeter Büroraum gegenüber dem Heizwerk Marzahn. Fenster zur Sonnenseite. Eigentlich ideal für jemanden wie mich, der gerne mit dem gegebenen Licht arbeitet. Nur das Gemeinschaftsklo macht es schwierig, Modelle hierher in das Studio einzuladen.

Es ist über sechs Jahre her. Ein Clownskostüm und sie. Ein schwieriger Einstieg und doch kann ich mich noch heute an den Ergebnissen erfreuen. Die Aufnahmen sind zwar noch zu glatt und zu gewöhnlich, damals wusste ich es noch nicht besser. Es fehlt das Salz an der Suppe, um die Arbeiten abzurunden. Dafür bedarf es noch ein paar Jahre und einer großen Prüfung.

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328_2020

Kein Platz zu sein

Kein Platz zu sein
Nr. 2860
Unikat: 18 x 24 cm ORWO Fotopapier
(c) 2020 Ronald Puhle

Warten ist nichts lustiges.

Just paint

Ich bin verabredet. Trotz der auferlegten und nicht lange eingehaltenen Schweigephase. Der Leser sollte eben kritisch mit dem sein, was es hier zu lesen gibt. Modell Curly Schaddai schaut im Atelier vorbei und möchte, da ich eine Kleckswand habe, bei mir malen. Im Vorfeld reden wir auch übers Fotomachen, aber das hat nichts zu sagen. Wenn es unsere Stimmung nicht hergibt, dann wird ein zwei Stunden gequatscht.

Auf der Couch sitzend gucke ich ihr zu, wie sie sich mit Farbe, Schwamm und Pinsel an der Staffelei zu schaffen macht. „Was ist?“ fragt sie mich. „Ich schau dir nur zu“ erwidere ich. Ich gucke und beobachte gerne. In den Öffentlichen, wenn ich unterwegs bin, schaue ich gerne Menschen zu. Um nicht die teilweise sinnlosen Dialoge im Kopf auszuzeichnen, höre ich Musik. In-Ear und laut. Seit der Pflicht von Alltagsmasken in Bussen und Bahnen ist das Vergnügen etwas getrübt. Hauptgrund: Ich bin kaum noch unterwegs und wenn, dann beschlägt entweder meine Brille oder ich sehe nichts, weil ich keine Brille aufgesetzt habe.

Etwas im Machostil sage ich zu Curly, dass sie für Aufnahmen ziemlich viele Sachen an hat.
„Soll ich mich ausziehen?“
„Wenn du möchtest kannst du dich gerne ausziehen“ erwidere ich. Ganz so machomäßig soll es dann doch nicht herüberkommen. Aber Curly ist an der Stelle ziemlich entspannt und locker, was ich ihr hoch anrechne. Im weiteren Verlauf greife ich nur zweimal ins Geschehen ein und korrigiere die Pose leicht. Relativ schnell ist der Film voll. Foma Retropan 320 soft. In Rodinal entwickelt ist er alles andere, nur nicht soft. Und das ist gut so.

Wo ich dann ein paar Tage später die ersten Abzüge vor mir liegen habe, ist es für mich fast eine kleine Zeitreise nach meiner zweiten Geburt: 2007 schließe ich mich dem Malzirkel von Olaf Nehmzow an, um die Teilnehmer bei ihrer kreativen Arbeit zu fotografieren. Ich nehme mir Zeit für dieses Projekt. Erst schaue ich mir bei ein zwei Treffen die Abläufe an, dann komme ich mit Kamera, ohne zu fotografieren. Ich hoffe, dass ich für die Teilnehmer unsichtbar werde und sie mich später, wenn ich wirklich abdrücken möchte, mich kaum noch wahrnehmen. Ein spannendes Projekt, leider nur alles digital fotografiert. Spannend auch wegen der Befindlichkeiten der Portraitierten, die unter anderem ihre Marotten entlarvt sahen und sich entsprechend verbal aufplusterten. Da tun diejenigen gut die erkennen, dass sie so aussehen und eben diese Eigenart haben. Im Ergebnis dieser Kollaboration kam es zur Ausstellung „Lichter, Mitten & Tiefen“, worüber ich mich hier und hier schon einmal ausgelassen habe. Dagegen ist das Shooting mit Curly ein Quickie und doch bin ich keineswegs enttäuscht.

Ich fotografiere Curly die nassen Abzüge ab und schicke sie ihr. Kurz und bündig antwortet sie: „Danke sehr. Sind ein paar nette dabei.“ Obwohl ihr Gesicht in einigen Aufnahmen gut zu erkennen ist, darf ich die Aufnahmen hier im Lichtbildprophet zeigen. Vielen Dank!

Says

Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass ORWO selbst keine PE-Papiere hergestellt und/oder angeboten hat. Selbst der große Allwissende Uwe Pilz behauptet es im April 2008. Dass der dämliche wie unfähige Osten kein PE-Papier hat, kann also keine Lüge sein. Ein paar Beiträge später dann wohl des Rätsels Lösung: PE-Papier kam als Kompensationsgeschäft in die DDR und wurden ORWO-gelabelt in … ich sage mal … in Spezialkreisen verwendet. Und so ein ORWO PE-Fotopapier hat ein kleiner Engel in der Bucht entdeckt, für mich käuflich erworben und in mein Atelier getragen.

Eigentlich mag ich kein PE-Fotopapier. Es ist so ein typisches Homo bequemous-Produkt: Es muss schneller und billiger gehen. Alles andere ist egal. Mir aber nicht. Papier als Träger fasst sich anders an, liefert ein anderes Schwarzweiss-Bild und die Farbigkeit hat mehr Bums. Die Planlage des PE ist – neidlos anerkannt – hervorragend, es lässt sich schneller verarbeiten und dann hören auch schon die „Vorteile“ meines Wissens auf. Egal ob alt wie ORWO oder modern, ich verbrauche mehr Lithentwickler und benötige deutlich längere Entwicklungszeiten. Der einzig wahre Vorteil ist das rotzig-kornlastige Ergebnis.

Ich überlege, was ich mit diesem Fotopapier, mittlerweile über dreissig Jahre alt, anstelle. Je ein Packen 13 x 18 cm und 18 x 24 cm liegen jetzt bei mir. 13 x 18 cm gehen auf den Selbstbau-Vergrößerer, das andere Paket wird „normal“ verlithet. Zur Zeit bin ich auf dem Trip, im Atelier Portraits auch mit der Lomo LCA zu machen. Ein ISO 100-Film eingelegt, das Dauerleuchten etwas knapper gewählt und die Lomo reagiert im Automatikmodus mit angenehm längeren Belichtungszeiten. Das Ergebnis ist Bewegungsunschärfe und Korn satt, lässt sich vom genial getroffenen Schnappschuss bis hin zu meiner Höhlenmalerei verschlagworten.

Eigentlich stand ein Lomo-Shooting auf dem Plan, was wegen monatlicher Frauenprobleme verschoben wurde. Beim nächsten Versuch haben wir es beim Quatschen belassen. Zwei Stunden Kurzweil. Es kommt hin und wieder vor, dass ganz spontan der Stimmung geschuldet Planänderungen auftreten. So saß ich statt Knipsend zum Beispiel mit einem Modell auf der Couch und wir feierten bei Kaffee und Kuchen mein Geburtstag nach. Oder wir lagen entspannt auf dem Boden, aßen Döner und unterhielten uns über Gott und die Welt. Höre ich da Zeitverschwendung? Nicht ganz. Mein Motto lautet: Alles kann, nichts muss. Und manchmal ist auch mir so, jetzt lieber keine Kamera anzufassen. Des Weiteren sind solche Gespräche, wenn auch meist eine Einbahnstrasse, so etwas wie eine vertrauensbildende Maßnahme.

Es ergibt sich zu meiner Überraschung eine andere Gelegenheit, mit der Lomo zu spielen, Portraits und Bewegung festzuhalten. Alles entwickelt sich spontan, eine Atmosphäre des sich vertrauten Kennens, obwohl dem nicht so ist. Manches erinnert an verrückte Teenager und das, obwohl ich diesem Lebensabschnitt schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin. Ich weiss, warum ich mich im Inneren keinem Alter zugehörig fühle und manchmal das Kind im Manne als gefrühstückter Clown in Erscheinung tritt.

Ich mag dieser Kombination aus ORWO PE-Papier, Lomo LCA und DIY Enlarger einen eigenen Seriennamen geben, mir fällt mir keiner ein. Aus Gründen darf ich nicht alle Aufnahmen zeigen, es wird ein Teil unter Verschluss bleiben. Im Zusammenhang mit anderen Fotoaufnahmen bin ich auf „Says“ von Nils Frahm aufmerksam geworden. Ich kannte das Stück nur von einem Sven Väth Continuous Mix. Das Modell nannte mir den Namen und irgendwie hat das Stück für mich bei dieser Geschichte eine emotionale Rolle gespielt. Minimalismus pur und einfach zum Heulen schön. Vielleicht werde ich Aufnahmen wie das erste veröffentlichte Beispiel unter „Says“ im Lichtbildprophet ablegen.

004_2019

Sag mir wo sie sind

Sag mir wo sie sind
Nr. 9804
Druck: Größe: 30x45cm Medium: Hahnemühle Photo Rag
(c) 2018 Ronald Puhle a.k.a. Lichtbildprophet

Hab von Glaspilzablagerungen gelesen. Da musste ich das arme Objektiv unbedingt haben.