Photographien – Annelise Kretschmer

Aus welcher Perspektive sollte ich mich einem künstlerischem Gesamtwerk nähern? Beame ich mich gedanklich in die Zeit des Künstlers zurück oder maße ich mir an, das Schaffen aus meiner Jetztzeit zu beleuchten? Beide Perspektiven haben für mich ihr Für und Wider, wenn ich eine gewisse historische Distanz wahre. Im Moment ist der Zeitgeist sehr bemüht, kreative Frauen aus der Vergessenheit zu holen, um ihr künstlerisches Schaffen auf einen feministischen Sockel im Hier zu stellen. Zwei Dinge stören mich daran: Die Wiederentdeckte kann sich gegen die Überhöhung – wenn sie denn wollte – nicht wehren und es fehlt an der realwissenschaftlichen Distanz. Fotografie ist Kunst und Kunst ist ein persönliches Bekenntnis. Ich mag überzogenes Vereinnahmen aus heutiger Zeit nicht.

Annelise Kretschmer fotografiert die Köpfe der Menschen und hat dabei den Hang zum besonderen Blick des Fotografierten. Beim ersten Durchblättern ist hier und da die eingefangene Mimik sehr eindringlich, wirkt für mich beinahe schon fetischhaft (siehe Seite 79, 81, 89 und 91). Es bedarf weiterer Anläufe des Betrachtens, um mir diese gewisse Beklemmung zu nehmen. Auf der anderen Seite sind es die Portraits auf den Seiten 105 und 109, die für mich eine Distanz schaffen, als sei ich als Betrachter gerade unerwünscht. Mir fällt auf, dass Annelise Kretschmer mit den Jahren auf Distanz zu den Portraitierten geht. Bilden anfänglich Kopf und Hals die Basis des Portraits, kommen im weiteren zeitlichen Verlauf immer mehr Schultern und Oberkörper zum Vorschein. Gibt sie der Komposition einfach nur Raum oder geht sie innerlich auf Distanz zum Menschen?

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Leseecke

Vor ein paar Monaten habe ich mit der Plattenstube einen Testballon gestartet: Was fange ich mit meiner Freizeit in Phase III an? Über 1000 Schallplatten sollten Material genug sein, um über die Musik zu schreiben, die ich persönlich gerne höre oder wo der Kauf einer LP ein Griff in die Kloschüssel war. Ich merkte schnell, dass ich zwar gern und viel Musik höre, über das Machen und die Details des musikalischen Lautseins jedoch wenig weiß. Also habe ich das Helium aus dem Ballon gelassen und den Test Plattenstube kurzerhand für beendet erklärt.

Ab 2001 arbeitete ich nebenberuflich als Freier Autor für (gedruckte) Fotofachzeitschriften. Nach nach meiner Krebstherapie und der stetig wachsenden Honorardrückerei durch die Verlage, gab ich 2016 den Nebenjob schließlich auf. In den letzten Jahren meiner Autorentätigkeit hatte ich für die PhotoKlassik gelegentlich über Fotografen und ihre Arbeiten philosophiert. Mir gefiel diese Art und Weise des Herangehens und Schreibens, ganz ohne den neusten Technikklatsch oder einem Schwanzlängenvergleich im fotografischen Breitensport. Genau hier setzt die Leseecke an: In diesem Segment brilliere ich mit etwas mehr Erfahrung und weiß bestens bescheid, wie man schlechte Fotos richtig gut macht.

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Der Tod ist ein Irrtum – Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller

Das Internet ist eine unstrukturierte digitale Masse, das Sinnbild der virtuellen Entropie. Mir sagt der Name Heiner Müller etwas und ich wußte, dass er in seinen letzten Lebensjahren mit der Fotografin Brigitte Maria Mayer leiert war. Mehr Wissen ist nicht, womit ich prahlen kann. Bei meinem Streifzug im Chaos auf der Suche nach besonderen Angeboten, landen die Titel „perfect sister I“ (nummeriert und von Heiner Müller signiert) und „perfect sister II – Im Objektiv des Canova“ von Brigitte Maria Mayer in meinem Warenkorb.

Eine weitere Bestellung später: Eine mengenmäßig nicht beschreibare Emotionalität, des eigenen Erlebens wegen, entfaltet der Titel „Der Tod ist ein Irrtum“ in mir. Der Titel ist das Tagebuch einer Liebe, die tragisch enden wird, weil das Zellsystem im Körper Heiner Müllers jene chaotische Abartigkeit in sich trägt, die auf die simple Umschreibung Krebs hört. Zwischen den beiden Markern gründet sich eine Familie und entsteht neues Leben. Dokumentiert sind Meilensteine aus fünf Jahren, stilecht in Sofortbilder und handgeschriebene Textskizzen festgehalten.

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