
Unbeschwert (aus dem Zyklus ‚Menschen in der Großstadt‘)
Nr. 0395
Unikat: Fotopapier
(c) 2016 Makkerrony
Distanzfrei
die tägliche dosis bild – garantiert menschgemacht

Unbeschwert (aus dem Zyklus ‚Menschen in der Großstadt‘)
Nr. 0395
Unikat: Fotopapier
(c) 2016 Makkerrony
Distanzfrei

Land ohne Masken (aus dem Zyklus ‚Menschen in der Großstadt‘)
Nr. 0394
Unikat: Fotopapier
(c) 2016 Makkerrony
Sag mir, wo die Masken sind.
Die letzten Tage waren wettermäßig so schön, dass ich trotz weniger Grad über Null allein zur inneren Erbauung losziehe und die Lomo mit einem uralt Svema Foto 250 ausführe. Im Vorfeld finde ich wenig bis gar nichts zum Entwickeln dieses Films aus dem Jahre 1989. Standardsuppe. Was ist Standardsuppe? Auch ein fotografiebegeisterter Kollege haut mir den Begriff „Standardsuppe“ verbal um die Ohren. Ich gebe mir keine Blöße und mime gerne den Unwissenden: „Was für eine Standardsuppe? Ich kenne keine Standardsuppe.“ Die Antwort bleibt mir mein Gegenüber schuldig. Wer ist der Unwissende von uns beiden?
Mein Standard sind 1 + 25 Rodinal und der MakkerRony-Move. Aber außer mir wird Letztgenannter keiner kennen und doch ist es Standard, mein Standard. Und ich bin eine beachtenswerte individuelle Persönlichkeit, die es nach Gutmenschrecht bis zum Sankt Nimmerleinstag zu pampern gilt.
Ich versuche aus den Werten zum Svema Foto 100 und 400 eine Linie zum 250 zu ziehen. Da die Lomo LCA ohnehin nur eine Empfindlichkeitseinstellung in ganzen Schritten erlaubt, wird der Svema Foto 250 als EI 200 belichtet. Eine etwas längere Belichtung sollte wenigstens zu einem Teil alterungsbedingte Schwächeerscheinungen kompensieren. Den Rest muss die Entwicklung bringen. Nur welche Zeit? Auf der Packung stehen 9 Minuten Entwicklungszeit, das kriege ich mit meinen Russischkenntnissen noch hin. Nur welcher Entwickler ist gemeint? Bestimmt eine Standardsuppe, die sich mir nicht erschließt.
Während meiner unterbezahlten Autorenschaft unteranderem auch für die PhotoKLASSIK war ich in der glücklichen Lage, das eine oder andere Geheimwässerchen für die optimale Negativentwicklung ausprobieren zu dürfen. Wenn ich ehrlich bin: Nach dem Test und Artikel standen die teuren Suppen im Chemie-Kühlschrank herum und oxidierten vor sich hin. Ist etwas an normalen Filmnegativen zu entwicklen, dann greife ich zum Altmeister Rodinal oder eines seiner Derivate. Um meiner Unverfrorenheit noch die Kirsche als Krone aufzusetzen, bevorzuge ich den kornförderlichen 1 + 25-Ansatz der Arbeitslösung.
Irgendwann fiel mir der Foma Retropan 320 soft auf, wobei ich den Hinweis auf den Negativentwickler Retro Special gerne überlesen habe. Ich erinnere mich an Rollei’s RPX-Filme und den speziellen Spezialentwickler RPX-D. Auf so etwas bin ich zweimal hereingefallen: Einmal und nie wieder. In 99% aller Anwendungsfälle halte ich das Spezialzeugs für nicht notwendig. Für das letzte 1% gibt es Caffenol mit einem kleinen Spritzer echten Negativentwickler. So ein superspezial abgestimmter Negativentwickler, das allerfeinstes Korn und die allerallerfeinsten Grauwerte abliefern soll, geht auch unanständig ins liebe Geld.
Ich komme irgendwie auf Christina Z. Anderson. Na gut, ganz so zufällig ist meine Suche nicht. Ich suche einen ersten Handlungsfaden für eine mir unbekannte Dunkelkammertechnologie und lande bei Anderson’s Chemigrammen. Sie erinnern mich an meine Aleatogramme. Hier und da fallen mir ihre Farben auf, weil ich sie aus meinen Versuchen in der Dunkelkammer kenne.
Das, wonach ich suche, finde ich nicht auf deutsch. Alles ist in ausländisch gehalten. Warum nur begeistert sich niemand in meiner Muttersprache für ‚Chromo‘? Je weiter ich mich durchs Englisch wühle, umso mehr wird mir klar, weshalb sich der Deutsche nicht in das Becken dieser Techhnik wagt:
Schaue ich mir Fotografien guter deutscher Fotografen an, dann durchzieht die meisten Arbeiten ein unangenehm kühler und vor allem distanzierter Schauer. Selbst in der schmutzigsten Barfuss-Szene muss das Sujet steril und strukturiert sein. Ich frage mich, ob ein ganzes Land bei Bernd und Hilla Becher abgeschaut hat? Wo ist die Zuneigung und Liebe in euch, selbst einen stinkenden Scheißhaufen auf der Straße so zu inszenieren, dass er im Bild gefällig zu betrachten daher kommt? Liebe. Euch fehlt es an Liebe und damit meine ich nicht Sex und Besitz. Wo steckt in euch das Kind im Manne oder der Frau? Ihr verzieht lieber eure Brut statt Wissen und Erfahrung zu vermitteln, züchtet lieber großmäulige Besserwisser und Klugscheißer heran. Kein Wunder, dass für ein sauberes und bequemes Weltbild alles schön gerade, scharf und ohne nachdenken sichtbar sein muss. Ich meine zu wissen, wo euer Problem liegt: Ihr wollt erstens schnell ans Ziel kommen und zweitens nichts dem Zufall überlassen.