Ich tue mich schwer.
Mit der Wahl für mich nicht wählbarer Möglichkeiten.
Ich war wieder Nichtwähler.
Eure schweigende Masse, die größte Sammlung ohne Partei.
So denn schweige ich auch zu dem, was ihr für wählbar haltet.
Dabei: Ich bin politisch!
Kunst ist Politik, die Politik meine Kreativität gegen andere Interessen durchzusetzen.
Folglich habe ich am Sonntag auch gewählt, nur ohne eure Urne:
Im Atelier gab ich meiner Bildsprache eine Stimme.
Kategorie: Traktate
Kurze Abhandlungen über ein fotografisches Thema – Niveauvolle Worte ohne den Zusammenhang mit einem Lichtbild aus meinem Schaffen
NegaPos
Auf meiner ToDo-Liste steht schon seit einiger Zeit:
‚Mit der Linhof auf ORWO 9×12 Fotopapier fotografieren‚
Das ist keine überragende Idee. Vor dem Glas und Zelluloid war lichtempfindliches Papier das Negativmedium. Nur habe ich noch einiges an 9 x 12 cm ORWO Fotopapier herumliegen, das ja irgendwie und irgendwann verbraucht werden will. Am Fundstücke-Projekt arbeite ich derzeit nicht und es ist auch nicht abzusehen, ob ich mich dafür noch einmal begeistern kann. Außerdem: Gegenüber neuem Fotopapier ist das uralte ORWO Fotopapier wunderbar langsam. Da bin ich bei Bewegungsunschärfe angekommen, lege ich den fotografischen Fokus auf das Menschenbildnis.
Der erste Versuch eines Selbstbildnis scheitert. Das Licht und die Belichtungszeit sind deutlich zu gering. Während ich versuche die Kassette nachzuladen, klingt das Modell. Ich verzichte darauf mich für den nächsten Versuch wieder zu drapieren. Das darf jetzt jemand tun, der viel besser als ich aussieht. Mehr Licht, mehr Belichtungszeit und etwas Bewegung. Im Lith-Entwickler und nach ein paar bangen Minuten Wartezeit entsteht mein ‚NegaPos‚. Es bedarf einiger invertierender Blicke um zu erkennen, dass da ein barfüßig weiblich Mensch steht. Das Ergebnis sieht nicht wie ein ’normales‘ Negativ aus. Die Art und Weise der knappen Negativbelichtung, kombiniert mit dem harten Lith print, ist in meinen fotodepressionistischen Augen ein verfolgenswertes Stilmittel. Nur ärgert mich das Querformat als Vorzugsorientierung der Linhof Kardan Color 9×12.
Degradiert
Sorry, aber ich komm da nicht mehr mit.
Mittlerweile habe ich es zur Kenntnis genommen, dass der Homo digitalis all den Unsinn glaubt, dem ihn das Internet zur Bestätigung seiner Meinung auftischt. Was dann noch bei Google ganz oben steht, das kann nur wahr und wahrer sein! Anders geht das doch gar nicht, sonst würde es ja nicht ganz oben auf dem Suchpodest stehen. Dem Irrglauben folgend, ist der Lichtbildprophet ein übermenschlicher Guru, der den Tag und die Nacht in seinem Atelier verbringt, die heißesten Bräute flach legt, scheiße Bilder macht und tierisch viel Blödsinn verbal absondert. Auf die Idee, es handelt sich nur um das wort- und bildgewaltige Blendwerk eines Normalo-Werktätigen, der die Wochenenden in sein Fablab flüchtet, auf die Idee kommt der bildungsbenachteiligte Internetnutzer natürlich nicht.
Ich werde angetwittert, ob ich nicht Sextoys testen und ‚positive Bewertungen‘ schreiben möchte.
Sextoys?
Ich!
Wie kommt der-, die- oder dasjenige dazu gerade mich anzusprechen? Wegen der barfüßigen Modelle, die ich ablichten darf? Es wäre nahe liegend, glaubt man Volkes Meinung, dass ein Fotoshooting mit erotischen Inhalten die pure Sexorgie ist, sich Fotograf und Model mehrfach im Laufe einer Fotosession wild verpaaren. Ich hege keinen Zweifel, dass einige Spitzenkönner ein erotisches Fotoshooting zum standesgemäßen Einreiten des Models missbrauchen, meiner Einer gehört aus Prinzip nicht dazu. Folglich werde ich die zu testenden und positiv zu bewertenden Erwachsenenspielzeuge weder privat noch bei einer Fotosession intensivst ausprobieren. Und der/die/das Spinner von Twitter wird blockiert. Ruhe ist.
Pyramidion
Schlusstein!
Der Stein ganz oben, der letzte Stein.
Offensichtlich ist ein oder das Ende erreicht?
Entgegen der ‚Tradition‘ sind einige meiner BetrachtSteine vorderseitig signiert und ich lese auf ‚Erde, Himmel, Licht‚ das Jahr 2014. Seiner Realisierung gingen Monate des Grübelns voraus. Noch heute kann ich mich gut daran erinnern, wie ich im Hochsommer in der Villa Schaf saß, die Sofortbilder zerlegte und auf diese Kacheln zog, die eigentlich als ‚Müll‘ in der Entsorgung landen sollten. Doch ihre matte Oberfläche schienen mir wie für den Emulsionslift gemacht. Für den Primer griff ich kurzerhand auf Holzleim zurück. Fertig war die Laube! Durch die Villa Schaf und ihre Massen an ausgemusterten Holz traf ich auf Claire von Frameworks. Sie faßte die drei BetrachtSteine. Noch heute bin ich von dieser Arbeit angetan, die seit 2016 einen neuen Besitzer hat.
Kürzlich wühlte ich in meiner Asservatenkammer und mir fiel die letzte, noch nicht benutzte Kachel in die Hände. Die Villa Schaf ist seit ein paar Jahren auch Geschichte, nach der großen Auf- und Ausräumaktion wurde sie abgegeben. Hin und wieder mag ich das Gärtnern, aber eine Laube sanieren und das Land nach den gestrengen Regeln des Kleingartengesetzes bewirtschaften ist nicht mein Ding. Seit dem Vertreiben des Hodgkin Lymphom fehlt mir ohnehin die Kraft und Ausdauer, den Blümchen und Karotten beim Wachsen zuzusehen. Es ist also mit keinem Nachschub an derangierten keramischen Trägern mit mattierter Oberfläche zu rechnen.
Wohin ich auch blicke, ich sehe nur Gewinner!
Ich stöbere durch Taschen’s Neuerscheinungen: Laurent Benaïm. Dian Hanson Worte über ihn lesen sich interessant. Phasenweise fühle ich mich an meine Langweile erinnert, werde ich mit dem modernen hdr-infizierten Fotorealismus konfrontiert. Ich kann damit nichts anfangen. Diese Klarheit auf der einen, die Scheineffekte auf der anderen Seite sind wie Schmirgelpapier an meine visuellen Rezeptoren. Vielleicht hat der weiße black out, die gelegentlich auftretende Helligkeitsstörung während der Chemo, zum Sichtwechsel beigetragen. Ich bestürme jedenfalls Amazon und ordere Hanson’s Buch ‚Laurent Benaïm‘ vor.
Muse-Stunde: ‚Schau doch mal, ob dieser Benaïm eine Webseite hat‘ spreche ich zu mir. Ausnahmsweise. Gesagt, getan. Im Interesse des Taschen Verlag’s hätte ich es nicht tun sollen. Denn nachdem ich die 32 Galerie-Seiten durchblätterte, wollte ich das Buch nicht mehr. Es war mir zu viel Fotorealismus, zuviel der Effekthascherei. Ich bekomme in seiner Bildsprache vorgekaut, was ich zu sehen habe. Meine Fantasie ist während der Reise durch Benaïm’s erotische Welt eingeschlafen. Ich fühle mich bedrängt, als müsste ich mich mit jedem seiner Modelle öffentlich verpaaren. Wenigstens ist meine Fantasie nicht ins Koma gefallen oder gar verstorben. Was für ein Glück.
Oh, das klingt im Ohr des Gutmenschen wie dissen. Schließlich ist ein emotionales ‚… kotzt mich an‘ in Gutmensch’s Pussywelt böses beleidigen. Oder ich bin nur neidisch auf den Erfolg Laurent Benaïm’s. Er darf einen Bildband bei Taschen veröffentlichen, hat ein großes schmuckes Atelier und kann die Leute beim Rammeln fotografieren.
Sorry, so ist es leider nicht.